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Methode

Der Schwebedialog - Ein Gespräch ohne Rotstift

Wir alle machen uns ein Bild von der Welt. Anders könnten wir sie nicht verstehen. Wir unterscheiden, benennen und ordnen, bis aus dem Erlebten eine innere Landkarte wird: eine Geschichte darüber, was geschehen ist, was andere meinen und was das für uns bedeutet. Diese Landkarten helfen uns, uns zurechtzufinden.

Wo Menschen miteinander zu tun haben, treffen solche Landkarten aufeinander. Und fast immer ist sofort ein Rotstift im Spiel, weil wir naturgemäß die eigene innere Landkarte für die richtige halten und alle anderen nach diesem Maßstab beurteilen. Also erklären wir, ordnen ein, trösten, widersprechen oder verbessern, um die unkorrekten Landkarten der anderen »richtigzustellen«, anstatt wirklich zuzuhören.

In einem Schwebedialog legen wir den Rotstift für eine Weile aus der Hand. Hier dürfen die Landkarten gleichwertig nebeneinanderstehen. Keine muss gewinnen. Keine muss sich der anderen anpassen. Alles, was uns gerade wirklich beschäftigt, darf sichtbar werden, ohne korrigiert oder kleingeschrieben zu werden. Ohne dass jemand danach greift.

Wenn eine innere Landkarte auf diese Weise gehört und ohne Wenn und Aber ernst genommen wird, kann sie uns zeigen, wofür sie da ist. Keine Karte ist grundlos entstanden. Jede ist der Versuch, Bedürfnisse mitzuteilen und uns zu schützen - körperlich und seelisch. Auch die Linien, die uns heute einengen, wurden einmal gezogen, damit wir uns zurechtfinden und überleben können.

Und dann können wir bemerken: Wir zeichnen diese Karte. Nicht sie hat uns in der Hand. Wir haben sie in der Hand.

Diese Hand kann sich zur Faust schließen. Sie kann sich auch öffnen. Vielleicht nicht auf Befehl und nicht für immer. Aber immer wieder. Wir dürfen selbst entscheiden, wie fest wir die Karte halten. Und wir dürfen uns erlauben, sie neu zu zeichnen - nicht weil die alte falsch war, sondern weil wir nicht mehr an jeder ihrer Linien festhalten müssen. Die Karte bleibt unsere. Aber der Griff darf leichter werden.

Der Schwebedialog löst nicht, was zwischen Menschen steht. Er schafft zunächst etwas Selteneres: einen unverstellten Kontakt. Einen Moment, in dem weder ein Mensch noch das, was ihn bewegt, für jemand anderen zum Problem erklärt werden muss.

Wie ein Schwebedialog abläuft

Der Anfang eines Schwebedialogs gehört jedem Menschen ganz allein. Es geht nicht darum, den Kopf leer zu machen, sondern in Ruhe wahrzunehmen, was gerade alles da ist. Ein strukturiertes Drei-Karten-System öffnet dafür den Blick in verschiedene Richtungen. Jede Person sammelt und ordnet in ihrem eigenen Tempo, was sie beschäftigt und was sie braucht. Auch das, was ihr Energie gibt oder Kraft kostet, bekommt dabei seinen Platz. Sie entscheidet selbst, was sie später davon zeigen möchte.

Erst danach öffnet sich der gemeinsame Raum. Eine Person nach der anderen zeigt ihre Karten. Die anderen hören zu. Niemand muss zustimmen oder die passende Antwort finden. So kann eine ruhige, aufmerksame Begegnung entstehen, in der alle mit ihrer Wahrnehmung gehört und gesehen werden und zugleich ganz bei sich bleiben dürfen.

Je nach Gruppengröße dauert ein Schwebedialog meist zwischen einer halben und zwei Stunden. Wenn eine Gruppe ihn zum ersten Mal erlebt, kann es ein wenig länger dauern.